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Filmtipps

Dieser Film wurde am Karfreitagabend in Kehl von der Kehler Flüchtlingshilfe in der Johanneskirche gezeigt. Ein wirklicher Ausnahmefilm und unerträglich. Unerträglich weil er mit sonst akzeptierten Tabus im Genre des Dokumentarfilms bricht: Nicht das Sterben zeigen – Nicht sich gemein machen mit dem zu Erleidenden.

Die 20 Tage Belagerung und Zerstörung der ukrainischen Stadt Mariupol durch die russischen Angreifer ist vielen von uns noch in schlechter Erinnerung. Ähnlich wie im Gaza-Krieg fragte man sich zusehends: Sind das neue Bilder der Zerstörung? Ist nicht schon längst alles kaputt, in Schutt und Asche? In dieser Zeit war ein Kamerateam von AP rund um Mstyslav Chernov in diesen Ruinen unterwegs. Unterwegs mit sich versteckenden, über die Straße rennenden, in Hauseingängen kauernden Bürgern dieser Stadt, die jeden Meter weiter links oder rechts den Tod finden können. Das Kamerateam filmt diese Fluchten vor Raketen und Beschuss nicht nur, sondern ist selbst genauso im Fadenkreuz der Panzer. Demzufolge flieht auch der Zuschauer mit in die Entbindungsklinik, in der die Ärzte und überforderten Pflegekräfte den vielen Schwerverletzten, auch Schwangeren kaum helfen können. Wir sehen wie die Leichen im Flur des Kellers liegen, Sterbende unbehandelt auf den hoffnungslos überfüllten Stationen in Betten oder neben ihnen liegen.

Und wir sehen zu, wie ein verletztes kleines Kind in den Armen der Mutter stirbt. Und diese Mutter zum Kameramann schreit: „Ja, nehmt das auf!!! Alle sollen es sehen was hier geschieht!!“ In keinem anderen seriösen Dokumentarfilm habe ich bislang solche Szenen gesehen. Vermutlich kein irgendwie empathischer Zuschauer hält sich nicht zeitweise die Augen zu.

Wie kann man das alles ertragen? Wie gelingt es den Überlebenden dieses Terrors? Die sich 20 Tage im Keller eines Hauses versteckt haben und aus Mangel an Trinkwasser das Chlorwasser des dort befindlichen Schwimmbads getrunken haben? Diese Frage bleibt und eine Verständnis für den aktuell hohen Patriotismus der Ukrainer. Sie müssen zusammenhalten. Hinter all den Nachrichten von russischem Beschuss in der Ukraine verbergen sich ähnliche Szenen wie in diesem unerträglichen Film.

Der Film ist leider nicht mehr in der Mediathek der ARD zu sehen. Eine kleine Zusammenfassung aus dem Weltspiegel finden Sie jedoch hier.

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Gott sei dank hat das Kamerateam das Bildmaterial aus der besetzten Stadt herausschaffen können und den Mut gehabt, es in dieser mutigen Form zu zeigen. Diese Art des Dokumentarfilms ist nicht so schnell zu wiederholen. Tabus in der Berichterstattung haben ihren Grund. Eine begründete, seltene Ausnahme war gestattet. Zum Schluß des Films wird der russische Außenminister gezeigt, wie er die Echtheit der Filmaufnahmen leugnet.

Rolf Berger