Serhij Zhadan erhält den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur 2025
📖 Österreich verleiht den mit 25000 Euro dotierten Preis dieses Jahr an Serhij Zhadan aus der Ukraine. Wichtigstes Kriterium neben der herausragenden Qualität des literarischen Werkes sind die internationale Bedeutsamkeit und Wirkung. Dies bedingt auch stimmige Übersetzungen.
🪖 Dies alles ist bei Zhadan in bestem Maße gegeben. Er ist in der Lage, das derzeitige kriegsbelastete Denken und Fühlen der Ukrainer im Ausland zu vermitteln. Er nimmt in seinen Büchern den Lesern an die Hand und mit in das Geschehen. Wir werden Teil der Geschichte und verstecken uns am Beispiel des Romans: „Internat“ in der nie wirklich benannten Stadt im Kriegsgebiet. Unser Verein gratuliert Serhij Zhadan sehr herzlich zu der hochverdienten Auszeichnung!
Dankesrede von Serhij Zhadan
„Wenn du in die Finsternis schaust, musst du zwangsläufig das Gesagte und das Gehörte besonders sorgfältig abwägen.“
📰 Die in Berlin erscheinende taz veröffentlichte vor wenigen Tagen die bewegende Dankesrede des Schriftstellers. In ihr denkt er öffentlich über die Aufgaben, die Grenzen des Wortes in Zeiten des Krieges im eigenen Land nach. Aber auch über die Deformation der Sprache durch den Angriffskrieg:
„Was ist mit unserer Sprache passiert? Wie hat der Krieg sie verändert? Sie hat ihre Leichtigkeit verloren. An ihre Stelle ist der Schmerz getreten. Viel Schmerz. Diese übermäßige Präsenz des Schmerzes deformiert die Sprache, nimmt ihr das Gleichgewicht. Wir sprechen heute die Sprache von Menschen, die unbedingt gehört werden wollen, die sich zu erklären versuchen.
Dahinter steckt kein übertriebener Egozentrismus. Wir schreien nicht, um die Aufmerksamkeit auf uns zu lenken – wir schreien, um die Aufmerksamkeit auf jene zu lenken, denen es schlechter geht als uns, denen es ganz besonders schlecht geht, die es schwer haben, die leiden. Wir schreien für jene, die im Moment nicht sprechen können, die ihrer Stimme beraubt sind, die ihres Herzschlags beraubt sind.“
📣Dieses Muss, darüber zu sprechen, was einen sonst verstummen und zerstören lassen könnte, spürt man auch hier in Kehl. Wenn eine Frau aus Mariupol von ihrem Martyrium in ihrer Heimatstadt erzählt. Oder wenn Marharyta mit dem Mikrofon und einer immer zu leisen Anlage vor der Friedenskirche immer wieder gegen das Vergessen, Gewöhnen spricht.
…seine in Deutschland auf Deutsch erhältliche Werke:
Warum haben wir so lange den Freiheitskampf der Ukraine nicht verstanden? Steffen Dobbert gibt Antworten auf einige der drängendsten Fragen unserer Zeit: Weshalb kämpft sie so furchtlos für Selbstbestimmung und Freiheit? Woher kommt das Nationalbewusstsein des ukrainischen Volkes? Und warum steht im größten in Europa liegenden Land auch die europäische Nachkriegsordnung auf dem Spiel? Dieses Buch ist eine Reise durch die wechselvolle Geschichte der Ukraine, des wohl derzeit mutigsten Landes unseres Kontinents.
…sein fulminanter Essayband Das letzte Territorium (es 2446), heute ein Klassiker, war vor zwanzig Jahren der Auftakt einer Diskussion, die bis zum 23. Februar 2022 anhielt: Wohin will die ukrainische Gesellschaft? Wo ist der Platz ihres Landes in Europa? Als Rufer in der Wüste warnte Andruchowytsch zu allen sich bietenden Anlässen vor Russlands Großmachtambitionen. Als Sisyphos der europäischen Verständigung bat er darum, die Ukraine nicht aus dem Auge zu verlieren. Der Preis unserer Freiheit versammelt Texte, die zwischen 2014, dem Jahr des Euromaidan, und 2023 entstanden sind. Pflichtlektüre für alle, die verstehen wollen, wie es zu dem Unvorstellbaren kommen konnte.
Der Band bietet die erste umfassende Einführung in die Ukraine-Studien in deutscher Sprache. Er behandelt Geschichte und Gegenwart der Ukraine in vergleichender Perspektive. Anschaulich und verständlich wird in die wichtigsten Probleme der ukrainischen Geschichte und Politik sowie in Literaturen, Medien, Sprachen und konfessionelle Fragen eingeführt.
Das Buch ist eine Synthese der internationalen Forschung, aber auch das Ergebnis der eigenen Forschungs- und Lehrerfahrung des Autors in ganz Europa.
Der Band richtet sich an Studierende und Lehrende der Ukraine- und Osteuropastudien, der Slawistik sowie an Journalist:innen, Politiker:innen und alle am östlichen Europa Interessierten.
Geschichte, Politik und Gesellschaft Geschichte der Ukraine: Hauptproblemfelder Die Ukraine nach 1991: Politik und Gesellschaft Regionalismus: Von der politischen Mythologie zum Krieg Der ukrainische Sozialismus und seine Kritiker Der ukrainische Nationalismus und seine Kritiker
Sprache, Literatur und Kultur Die ukrainische Sprache: Geschichte und aktueller Stand Die Ukraine und ihre Literaturen Ukrainisches Theater und Kino
Kulturkontakte und kultureller Austausch Ukraine und Polen: Verflochtene Geschichte, asymmetrisches Gedächtnis Ukraine und Russland: Komplexe Beziehungsgeschichte im Imperiumsschatten Die Ukraine an der Great Frontier: Nomaden der Steppe, das Krim-Khanat, das Osmanische Reich Ukraine und Deutschland: Suche nach Verständnis und Partnerschaft
Liebe Mitglieder der DUGO, ich kann Euch dieses kleine Buch sehr empfehlen. Es skizziert die Geschichte und Kultur der Ukraine wissenschaftlich und gut verständlich. Nach jedem Kapitel gibt es Literaturhinweise zur Vertiefung des Themas.
Martin Kujawa
Serhij Zhadan – Internat
Serhij Zhadan ist zurecht ein sehr populärer ukrainischer Schriftsteller unserer Zeit. Wer sich für das Leben und Überleben in den umkämpften Ostgebieten des Landes unteressiert, ist hier genau richtig. Obwohl der Roman eigentlich in der Zeit vor dem großangelegten Angriff Russlands spielt. Denn der Krieg dauert in Wirklichkeit seit 2014 an.
Beschrieben wird der Versuch Paschas, seinen Neffen aus dem Internat einer nahegelegen Stadt zu befreien, die massiv angegriffen wird. Dabei gerät er zunächst alleine, dann mit dem Jungen immer wieder zwischen die Fronten. Nie wird der Name der Stadt genannt, wichtiger als greifbare Örtlichkeiten sind Zhadan diese Veränderungen, seelischen Verstümmelungen in diesem Grau der beständigen Todesgefahr.
Pascha ist wie alle auch von diesem Grau im Denken und Handeln infiziert. Er beschwört auf seiner Odyssee immer wieder, kein Mitleid zu haben. Doch es gelingt ihm nicht. Wann immer er an trostlosen Menschen, die sich verstecken oder panisch über die Straße rennen, vorbeikommt und jemand Hilfe, zeitweise Begleitung benötigt, ist er da, irgendwie missmutig, unfreundlich, aber an dessen Seite.
Auch der Neffe ist erst abweisend, geschädigt durch die ständigen Explosionen und macht Pascha die Flucht zurück schwer. Man sieht das Fahlgraue in den Augen der vielen Frauen in der Bahnstation, hoffend, einen Transport hinter die unklar verlaufenden Angriffslinien zu erwischen. Aber überall findet auch Menschlichkeit statt, immer recht rau umgesetzt aber es gibt sie.
Das Buch nimmt gerade uns Deutsche mit in diese uns so ferne Welt des Krieges. Spricht man mit Großeltern, die den 2. Weltkrieg noch erlebt haben und selbst flüchten mussten, dann sind es eben diese Momente aus dem Grau heraus, die auch sie kannten. Mich hat Zhadan am Buchende etwas alleine zurückgelassen. Es würde mich wirklich sehr interessieren, wie es mit den beiden weitergegangen ist. Wie es mit den Ukrainern weitergeht. Wie sie ihre Zuversicht in dem Grau aufrechterhalten können. Trotz des Krieges, trotz der Gefahr, überall, nicht nur im Osten.
Eindeutig eines der besten Bücher, die ich gelesen habe.