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Projekte

Worte überwinden Grenzen. Ukrainische Autorinnen und Autoren zu Gast in Kehl

Ziel des Projekts „Worte überwinden Grenzen. Ukrainische Autorinnen zu Gast in Kehl“ ist die Förderung der deutsch-ukrainischen Verständigung und Zusammenarbeit. Die Begegnung mit der ukrainischen Gegenwartsliteratur soll die Teilnehmenden dazu ermutigen, sich intensiver mit ukrainischer Literatur und daraus ableitend mit unterschiedlichen Perspektiven auf die aktuellen Herausforderungen der Ukraine zu beschäftigen. Die eingeladenen Gäste bilden einen Querschnitt der gegenwärtigen Diskussionen innerhalb der ukrainischen Gesellschaft. In ihren Texten werden verschiedene individuelle und kollektive Erfahrungshorizonte sichtbar, die den Leserinnen und Lesern einen tieferen Einblick in die Lebenswirklichkeiten von Menschen in der Ukraine vermitteln. So vertreten die eingeladenen Referenten und Autorinnen unterschiedliche Positionen hinsichtlich diverser Herausforderungen, vor denen die Ukraine heute steht, bspw. bezogen auf die Frage nach der kulturellen Identität bzw. kultureller Identitäten in einem europäischen Kontext sowie in Hinblick auf den beabsichtigen Beitritt der Ukraine in die Europäische Union. Zu den Fragen der Gegenwart gehört auch die wichtige Frage nach dem Umgang mit der russischen Sprache und Kultur. Die Veranstaltungsreihe soll die Teilnehmenden für diese und andere Fragen sensibilisieren und das Interesse an der Ukraine als ein in mancherlei Hinsicht vielfältiges Land wecken.

Das Projekt erfolgt mit finanzieller Förderung des Auswärtigen Amtes durch das Institut für Auslandsbeziehungen

➡ Mehr Informationen

Ansprechpartner: Martin Kujawa –  m.kujawa@dog-o.org.de

Rückschau auf die bisherigen Veranstaltungen „Worte überwinden Grenzen“

1. 17.09. Prof. Dr. Roman DubasevychAuftaktveranstaltung

von Simona Ciubotaru, erschienen am 19.09.2025 in der Kehler Zeitung

📰 Kehl, Mittwoch, 17.09. Im Kehler Kulturhaus fand am Mittwoch die Auftaktveranstaltung der Reihe „Worte überwinden Grenzen – ukrainische Autorinnen und Autoren zu Gast in Kehl“ statt. Veranstalterin war die Deutsch-Ukrainische Gesellschaft Ortenau (DUGO).

🎧 Mit einer vielbeachteten Auftaktveranstaltung im Kulturhaus Kehl startete die Deutsch-Ukrainische Gesellschaft Ortenau ihre neue Reihe „Worte überwinden Grenzen“. Im Mittelpunkt stand ein Vortrag von Prof. Dr. Roman Dubasevych über die Rolle der ukrainischen Kultur im Krieg. Das Auditorium verfolgte den Diskurs  mit großem Interesse und anschließend beantwortete Dubasevych die Fragen der Zuhörer. Für die ukrainischen Gäste gab es Simultanübersetzung.

🎤 Die Vorstandsmitglieder Margarita Koshyl und Martin Kujawa begrüßten die zahlreich erschienenen Interessenten. Seitens des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) in Stuttgart sprach Ella Tschitschigin, die als Koordinatorin des Förderprogramms anwesend war.

🇺🇦 Margarita Koshyl hob in ihrer Ansprache hervor, dass die DUGO mit der Reihe das Wissen über die Ukraine in der Region vertiefen möchte. Ziel sei es, durch Literatur und Kultur neue Perspektiven auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Ukraine zu eröffnen. Sie erinnerte an Worte des Schriftstellers Juri Andruchowytsch, der die Rolle der Literatur für die Erinnerungskultur und für die Gestaltung einer besseren Zukunft betont hatte.
🙏🏻 Ein grosses Dank ging an das Kulturbüro Kehl, insbesondere an Stefanie Bade und Lena Mohr, sowie an das Auswärtige Amt und das ifa Stuttgart für die finanzielle Unterstützung.

🎤 Ella Tschitschigin würdigte in ihrer Begrüßung das Engagement der DUGO. Sie betonte, wie wichtig es sei, durch solche Veranstaltungen die Stimmen der ukrainischen Autorinnen und Autoren in Deutschland hörbar zu machen.

Anschließend stellte Martin Kujawa den Referenten des Abends vor: Prof. Dr. Roman Dubasevych – 1977 in der Ukraine geboren, heute Professor für Ukrainische Kulturwissenschaft an der Universität Greifswald.

📖 Sein Vortrag stand unter dem Titel „Ukrainische Kultur im Kriegszustand und darüber hinaus“. Dubasevych machte gleich zu Beginn deutlich, dass es nicht um die direkte Auseinandersetzung mit russischer Propaganda gehe. Vielmehr wolle er als Kulturwissenschaftler die intellektuellen und kulturellen Dimensionen des Krieges beleuchten. Er beschrieb vorerst zwei zentrale Herausforderungen: das intellektuelle Verstehen der Widersprüche in der ukrainischen Gesellschaft und Kultur einerseits, anderseits der Umgang mit kollektiver Trauer und Traumatisierung, die seit 2014 und insbesondere seit 2022 anhalten. Dubasevych unterstrich dabei die Rolle der Empathie und die Notwendigkeit, die Geschichte der Ukraine mit all ihren Spannungen ernst zu nehmen.

🇺🇦 Sein Exkurs führte in die Anfänge der modernen ukrainischen Literatur: Iwan Kotljarewskyjs Werk „Eneida“ (1798) – eine “Travestie” von Vergils Aeneis. Kotljarewskyj übertrug die Helden der Antike in die Welt ukrainischer Bauern und Kosaken. Damit setzte er einen Grundstein der modernen ukrainischen Literatur und zugleich ein frühes Beispiel anti-imperialer Subversion.

Dubasevych zeigte auf, dass die ukrainische Literaturgeschichte von Beginn an im Spannungsfeld mit der russischen Literatur stand. Autoren wie Nikolai Gogol, der auf Russisch schrieb, aber ukrainische Themen und Figuren aufgriff, verdeutlichten diese enge Verflechtung. Der Krieg heute sei deshalb so fatal, weil er “dieses kulturelle Gemeinsame in etwas „Toxisches“ verwandelt” habe.

Simona Ciubotaru

2. 9.10. Sofia Andruchowytsch – Trotz allem überwiegt die Hoffnung

Foto: Simona Ciubotaru

📖 Im Rahmen der von der DUGO organisierten Lesereihe „Worte überwinden Grenzen“ las die ukrainische, renommierte Schriftstellerin Sofia Andruchowytsch im Kulturhaus aus ihrem Roman „Amadoka“ und beantwortete die Fragen aus dem Publikum.

🇺🇦 Die ukrainische Schriftstellerin Sofia Andruchowytsch, Trägerin des Hermann-Hesse-Preises 2024, las am Donnerstag im Kulturhaus Kehl aus ihrem Roman „Amadoka“. Eingeladen hatte die Deutsch-Ukrainische Gesellschaft Ortenau (DUGO). Der Saal war gut gefüllt – unter den Zuhörerinnen und Zuhörern viele ukrainische Geflüchtete, aber auch zahlreiche deutsche Literaturfreunde.

🎧 Dank Simultanübersetzung ins Deutsche, für die DUGO eigens Headsets organisiert hatte, wurde der Abend zu einer intensiven Begegnung mit der ukrainischen Kultur: Sowohl die Passagen aus einem beeindruckenden Epos, als auch der Dialog der Autorin mit dem Auditorium machten Eindruck und erweckten vielschichtige Emotionen. 

Denn Sofia Andruchowytsch spricht nicht nur als Schriftstellerin, sondern als Stimme eines Landes, das um seine Existenz kämpft. „Die Erinnerungskultur ist in der Ukraine zu einer Lebensnotwendigkeit geworden“, sagte sie in der Diskussion nach der Lesung. „Wenn der Feind deine Sprache, Kultur und Geschichte leugnet, wird Erinnern zu einem Akt des Widerstands.“

Der 800-Seiten-Roman „Amadoka“ verwebt Familien-, Liebes- und Kriegsgeschichte mit der kollektiven Erinnerung des Landes. Andruchowytsch beschreibt darin Orte, „an denen ich geboren und aufgewachsen bin“, und Geschichten, die sie seit der Kindheit begleiten würden. Es sei „keine Autobiografie, sondern ein literarischer Roman“, doch vieles darin wurzele in dokumentarischen Texten, Memoiren und Zeugnissen von Holocaust-Überlebenden. Sie spricht ruhig, mit Nachdruck. Ihre Worte zeichnen das Bild einer Gesellschaft, die sich mitten im Krieg neu zu begreifen versucht. „Das Bewusstsein in der ukrainischen Gesellschaft ist enorm gewachsen“, sagt sie. „Die Menschen stellen Fragen: Warum spricht meine Familie Russisch? Warum ich? Was ist mit der Geschichte unserer Großeltern?“

Solche Fragen führen tief – bis in die verdrängten Schichten der sowjetischen Vergangenheit, zu Themen wie Holodomor, massive Repressionen gegen die ukrainischen Künstler oder Zwangsumsiedlungen. Andruchowytsch sieht darin einen Wendepunkt: „Identität ist nie etwas Starres. Sie ist eine bewegliche Materie, die sich hier und jetzt formt.“ In „Amadoka“ versuchte sie zu beschreiben, wie aus Erinnerung Identität wird – und wie man trotz Schmerz eine positive Haltung finden kann. „Wir dürfen das Negative nicht verdrängen. Nur wer die schwierigen Momente der Geschichte anerkennt, kann daraus Kraft ziehen.“

Die junge Generation in der Ukraine wolle über das sprechen, was lange verschwiegen wurde. „Das ist ein Zeichen von Reife.“, so die vielfach ausgezeichnete Autorin. Die Schriftstellerin verortet ihr Land klar in der europäischen Tradition. Schon die Figuren ihres Romans aus dem 17. bis 19. Jahrhundert stünden für Werte, die „sich deutlich von der russischen Kultur unterschieden“. „Die ukrainische Kultur war offen, frei, europäisch. Der Mensch zählte. Genau das war gefährlich – damals für die Sowjetmacht und heute für das gegenwärtige Russland.“

Auf die Frage nach dem heutigen Leben in der Ukraine wurde es noch stiller im Saal – die Autorin bleibt mit ihrer Familie weiterhin in Kiew, so wie auch zahlreiche ukrainische Künstler, die ihr Land trotz der Lebensgefahr nicht verlassen wollen. Denn „wir fühlen uns für unser Volk verantwortlich und unser Bleiben ist auch ein politischer Akt, ein Protest gegen Russlands Aggression“.„Es ist sehr schwierig geworden,“ erzählt sie. „Die Angriffe sind häufiger, die Zahl der Drohnen wächst – bei der letzten Attacke sollen es etwa 800 gewesen sein. Und doch sehe ich, wie die Menschen weiterleben, arbeiten, lieben. Das Leben ist sehr intensiv geworden“. Man nehme gemeinsam Anteil an Trauer, Verlust aber auch an Freude. Die einfache Geste, auszugehen und mit jemandem einen Kaffee zu trinken, zum Beispiel, habe einen hohen Wert bekommen. 

Trotz allem überwiegt die Hoffnung. „So viele Ukrainerinnen und Ukrainer zahlen mit ihrem Leben dafür, dass menschliche Würde und persönliche Freiheit existieren können.“ Das, sagt die Autorin, sei „das stärkste Zeugnis für die Kraft der ukrainischen Identität“. Der Abend wird in Erinnerung bleiben als eine besondere Begegnung zwischen zwei Kulturen – denndie Lesung in Kehl war nicht nur eine literarische Offenbarung, sondern ein Akt der Solidarität, der zeigt, dass Worte, Geschichten und Erinnerung Brücken gegen den Krieg bauen können.

Simona Ciubotaru


Unser erster öffentlicher Auftritt – DUGO beim Vereinsmarkt in Offenburg

Ukrainische Kultur im Kriegszustand und darüber hinaus

Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine sorgte weltweit für eine erhöhte Aufmerksamkeit und Sympathiewelle für dieses Land. Dennoch galt sie hauptsächlich dem spektakulären Widerstand gegen die Invasoren, militärischen und humanitären Aspekten des Krieges wie der Aufnahme und Integration der Flüchtlinge. Auch wenn prominente ukrainische Autoren und Künstler wie Serhii Zhadan, Tanja Maljartschuk, Katja Petrowskaja oder Oksana Lyniv vom gestiegenen öffentlichen Interesse profitierten, blieben die innenukrainischen Debatten über den Krieg, seine Ursachen und Lösungen meistens hinter dem Image einer heroischen und ungebrochenen Nation verborgen. In seinem Vortrag wird der ukrainische Kulturwissenschaftler Prof. Roman Dubasevych die Meilensteine des ukrainischen Kulturkanons vorstellen, aber auch seine Beziehungen zur jetzigen Krisensituation beleuchten – es wird also um die ukrainische Kultur im Kriegszustand und darüber hinaus gehen. 

Unsere deutsch-ukrainische Gemeinschaft DUGO hat sich zum ersten Mal öffentlich beim Vereinsmarkt in Offenburg vorgestellt.
Wir hatten die Gelegenheit, unsere Organisation zu präsentieren, unsere Ziele zu erklären und interessierten Besucher*innen die Möglichkeit zu geben, Mitglied zu werden.

Der Tag war geprägt von zahlreichen spannenden Begegnungen und Gesprächen. Wir konnten Kontakte knüpfen, Ideen austauschen und wertvolle Erfahrungen teilen – mit Menschen, die unsere Werte teilen.

Wir freuen uns auf zukünftige Begegnungen und möchten auch weiterhin Projekte präsentieren, Menschen verbinden und die ukrainische Community stärken.

📩 Für Kooperationen oder Unterstützung schreiben Sie uns gerne eine E-Mail.