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Wie der Angriff auf die Ukraine mein Denken veränderte…

In dieses Haus hat mich meine Entscheidung, den Kriegsdienst zu verweigern, gebracht. Hierzu notwendig war damals eine persönliche schriftliche Begründung. Meist wurde diese nicht anerkannt und man musste in mehrinstanzlichen Verhandlungen einer Kommission von älteren Herren gegenüber begründen, warum man selbst nicht in der Lage sei, zu töten. Beliebt war die Frage: “Wenn Sie mit Ihrer Freundin im Wald sind und eine Schußwaffe dabei haben und Sie werden von Russen angegriffen – was würden Sie tun? Schießen, wegrennen, Ihre Freundin im Stich lassen?“

In der ersten Instanz war ein Berater des DFG-VK an meiner Seite, den ich kennengelernt und der mich auf das Tribunal vorbereitet hatte. Die älteren Herren waren recht respektlos und ich im Gegensatz zu heute in solchen Situationen erheblich eingeschüchtert. Dazu kam, dass mein Berater eine gewisse Angriffslust den Entscheidern gegenüber an den Tag legte, dass selbst mir klar wurde, das könnte schwierig werden. Ich fiel durch: Rolf Benz kann töten. Stempel drauf und abgeheftet.

In der zweiten Verhandlung hatte ich meinen Vater dabei. Kein Experte in diesen Dingen. Aber ich weiß noch genau, wie er das abschätzige Lächeln der Herren auf meine Antworten hin quittierte. Er sprach kaum etwas, sah die Herren aber sehr streng an und sie ließen ab von einer neuerlichen Ablehnung. Ich bin ihm dafür immer noch unendlich dankbar. Per Gnadenerlass durfte ich kurz darauf älteren Menschen den Hintern säubern, ihnen Essen reichen und so manchem Menschen bei der Demez-bedingten Auflösung seiner Persönlichkeit vollkommen überfordert zusehen.

Geboren wurde ich mitten in der Kubakrise im Oktober 1962. Die Welt stand hochgerüstet am Abgrund. Ein Fehler der beiden Kontrahenten und auch mein Leben hätte gleich wieder beendet sein können. Der 2. Weltkrieg war nur lächerliche 17 Jahre vorüber. Ich habe ihn nicht erlebt, bin mir auch nicht 100% sicher, auf welcher Seite ich gestanden hätte. Ein paar Schlüssel-Situationen, geschickte Schubser von bestimmten Menschen in der Sozialisation können bei den meisten Menschen die Weichen in unterschiedlichste Richtungen stellen. Es wurde mir erspart.

Erspart wurde mir auch das Erleben von Krieg. Nur von meinen Eltern und aus dem Unterricht erfuhr ich etwas darüber. Alles weit weg, früher, in Schwarz-Weiss und alle hatten seltsam alte Kleider an. Mit meiner Realität im Hier und Jetzt hatte das wenig zu tun. Die Bundeswehr nahm ich durch gelegentliche Panzerkonvois durch das Heimatdorf wahr. Die Kanadier durch die häufigen Tiefflüge mit ihrem ohrenbetäubenden Lärm an warmen Sommertagen. Ja und da waren die regelmäßigen Sirenentests. Doch schon reichlich Militär-Kontakt aber eher als Wurmloch-Erfahrung in diese andere Galaxie des Krieges.

Gegen Ende der Schulzeit begann eine erste Politisierung. Dieses abstrakte aber doch real bedrohliche Gleichgewicht des Schreckens wollte ich so nicht hinnehmen. Der Nato-Doppelbeschluss erschien mir als brandgefährliche Eskalation der Rüstungsspirale. Hiervon wollte ich kein Teil sein. So kam es, dass ich zwischendurch 1. Vorsitzender der Friedensliste in meinem kleinen Dorf war. Parteivorsitzender mit 18 Jahren. Die Friedensliste war ein breites Bündnis von Parteien und Gruppierungen, die diese zusätzlichen Raketen in Europa vehement ablehnten. Dabei waren auch Mitglieder der DKP. Des verlängerten Armes der SED der DDR in Westdeutschland. Damals kamen sie mir etwas lächerlich vor, bisschen verstrahlt. Ich entsinne mich, wie ich mit einem DKP-Mitglied in seinem dicken Mercedes nachts Plakate klebte. Und wie ein junges Mitglied dieser Partei mir in seiner Wohnung ca. 1m Bücher von Breschnew zeigte, dem russischen Staatschef, verantwortlich für erbarmungslose Repression in Russland. Verantwortlich für das Fortbestehen der Unterwerfung des russischen Volkes seinem jeweiligen Zaren gegenüber. Ob der nun gerade Stalin, Breschnew oder Putin heißt.

Den Kontakt mit diesen Menschen werfe ich mir nicht vor. Aber nicht die damals schon bekannten Verbrechen ihnen gegenüber angesprochen und mit Haltung diskutiert zu haben – das schon. Ich war in Ostberlin gewesen, hatte die Mauer gesehen und das trostlose Grau der von der SED klein und gefangen gehaltenen Menschen. Auch die Menschenrechtsverletzungen in Russland waren mir bewusst. Ostberlin hatte auf mich wie ein obskurer Europapark ohne Achterbahnen gewirkt: Ein Themenpark der grauen Rückständigkeit mit Aluminiumgeld und spannenden Grenzkontrollen.

Mein Leben wurde wirtschaftlich immer besser. Kriege fanden nur im Fernsehen und abstrakt in politischen Veranstaltungen statt. Dies blieb so bis zum heute seltsamerweise verdrängten Jugoslawienkrieg in den Neunzigern. Dort kam der Krieg näher. Man ist vielleicht einmal im Urlaub dort durchgefahren. Im überfüllten Zug. Mit dem Interrail-Ticket. Das war der erste Krieg seit 45 in Europa. Von den dort stattfindenden Kriegsverbrechen so nahe zu hören, war beklemmend.

Der Zivildienst war lange Geschichte, Familie war gegründet, Kinder wurden älter und zogen aus. Krieg war weit weg.

2015 kam er wieder näher: Die vielen Konflikte auf der Welt setzten Hunderttausende Geflüchtete in Bewegung. Auch zu uns in mein neues Heimatdorf Kork. Sie kamen aus dem Fernsehgerät heraus in Bussen an und wurden Teil meines Lebens. Und immer noch waren die Ursachen ihrer Flucht recht weit weg. Nicht greifbar, zum Glück nicht erlebbar.

Am Morgen des 24.02.2022 kam der Krieg plötzlich näher. Beim Duschen hörte ich im Deutschlandfunk, dass Putins Russland die Ukraine angreift und seine Panzer das Ziel haben, die Ukraine als Staat zu beseitigen. Gleich nach dem Frühdienst um 09:00 Uhr setzte ich mich zuhause ans Telefon und fragte meinen Gasversorger nach dem Herkunftsland meines Gases. Er musste sich erst kundig machen und war auf diese Frage nicht vorbereitet. Ob man seinen Gasabschlag auch im nächsten Monat noch zahlen könne oder wann denn der Gaszähler endlich eingebaut werden würde; alles Routine. Aber das?

Nach einigen Minuten erhielt ich die Antwort: „Österreich.“ – Ich war zufrieden. Ob es damals stimmte? Keine Ahnung. Ich bin froh, mittlerweile den ganzen Gasanschluß stillgelegt zu haben. Gas oder Öl ist als Direktverbraucher kein Thema mehr.

Ca. 2 Wochen später standen wir mit unserem christlichen Jugendbus an der polnisch/ukrainischen Grenze und ich sah zum ersten Mal die Gesichter des Krieges: Ruhelose, erschöpfte Frauen mit und ohne Kinder, zusammengebrochene Menschen oder Verletzte auf Feldbetten. Alle waren frisch geflohen vor realen Raketen, Panzern und Soldaten. Die Gesichter unterschieden sich nicht von den Menschen der Flüchtlingstrecks im 2. Weltkrieg. Entsetzen, Erschöpfung, Unsicherheit, Angst.

Wir fuhren mit UkrainerInnen Richtung Deutschland zurück, die mir am folgenden Morgen im Hotel furchtbare Fotos zeigten. Die ich nicht sehen wollte, aber den Grund für ihre Flucht darstellten. Ich lernte in den über drei Jahren noch viel mehr UkrainerInnen kennen. Hörte ihren Geschichten zu. Von eingeschlagenen Raketen, von in Isolation lebenden Angehörigen. Davon, dass eine Familie sich lange unsicher war, ob die Flucht nach Kehl die richtige Entscheidung gewesen ist. Bis ihr Haus in der Tagesschau als von einer russischen Rakete getroffene Ruine gezeigt wurde. Es gab Butcha, Mariupol und den entsetzlichen Film dazu. Es gab den Ukrainer, der mit mir auf meiner Terrasse einen kleinen humanitären Transport geplant hatte und später an der Front getötet wurde.

Es gab all das Zerrissene in den Köpfen von mir sehr liebgewordenen Menschen: Darf ich hier sein? Mache ich genug? Darf ich hier Spaß haben, neben all den Ängsten, die immer auch da sind? Sollte ich nicht zurück und etwas im Heimatland tun? Als Soldat dienen? Was, wo, wann ist meine Zukunft?

Der Zivildienstleistende von damals kommt mit dem allem nicht mehr klar. Seine Antworten genügen nicht mehr. Es darf und muss eine Weiterentwicklung im Kopf stattfinden. Die Ukraine darf sich wehren! Dass das übermächtige Russland seinen „Bruderstaat“ nicht in wenigen Wochen besiegt hat, zeigt auch den Willen der Ukraine dazu. Es geht nicht darum, dass Frieden und Unterwerfung das kleinere Übel ist. Die Verschleppung von 20000 Kindern nach Russland und der Repressionsapparat in den besetzten Ostgebieten zeigen die Zukunft einer besiegten Ukraine: Aktivisten droht der Tod, Säuberungsaktionen ohne begleitende Öffentlichkeit warten auf die Besiegten. Danach würde ein zweites Belarus installiert werden.

Und Putin wäre ein Schritt weiter Richtung Westen. Ohne erlebte Grenzsetzung seines Tuns.

Waffenlieferungen im großen Stil an die Ukraine wären von Anfang an geboten gewesen. Olaf Scholz hätte in die Führungsrolle dazu schlüpfen müssen. Stattdessen eine kleinteilige Debatte nach der anderen. Die Soldaten in der Ukraine müssen alles von uns erhalten, was sie brauchen. Zum eigenen Überleben und zum Ausschalten der bedrohenden Waffen, die unaufhörlich auf sie gerichtet sind.

Gleichzeitig verlange ich von keinem Ukrainer, dass er als Soldat dienen soll. Dies steht mir in keinster Weise zu. Die Soldaten, die aber kämpfen, diese brauchen unsere ganze, umfängliche Unterstützung. Diese inneren Konflikte vieler Männer aus der Ukraine sind nicht aufzulösen. Ich verstehe, dass jeder Einzelne nur ein Leben hat und schlicht und ergreifend er und seine Angehörigen Angst darum haben. Für mich ist der Schlüssel zu dem Ganzen die simple Feststellung, dass es sich hier um einen dumpf imperialistischen Angriffskrieg gegen einen aufstrebenden, sich emanzipierenden Nachbarstaat handelt.

Und all die schizophrenen Konflikte in den ukrainischen Köpfen durch Putin und seinen Unrechtsapparat verursacht sind: Mir ist jeder ukrainische Mann in Deutschland recht und ich freue mich darüber, dass er hier in Freiheit lebt. Und gleichzeitig wünsche ich seinem Land, dass es die russischen Invasoren zurückdrängt und ihre Freiheit und Unversehrtheit erhält.

Das ist schizophren, aber auch ich bin mittlerweile Teil dieser Zerrissenheit und diese Bipolarität ist mein Weg in meinem Kopf. Kein Unbeteiligter mehr. Und ich bin auch nicht mehr der Kriegsdienstverweigerer von damals.

Deutschland hätte längst schon diesen Entwicklungsprozess forcieren müssen. Weg vom sich Heraushaltenden, Zögernden. Hin zum Motor einer massiven Unterstützung der Ukraine. Zumal an der Spitze des größten westlichen Staates derzeit ein Präsident steht, der unberechenbar, gefährlich, vor Jahren hochverräterisch handelnd, egoistisch und gefährlich ist.

Ich kann die zögerlichen Mützenichs und Stegners verstehen, ihr Denken kommt aus einer ähnlichen Sozialisation wie der meinen. Ihr resultierendes Handeln jedoch ist realitätsvergessen und hochgefährlich. Haltungen können und müssen sich verändern dürfen. Mein Kriegsdienstverweigerer in mir muss dies aushalten. Putin verhandelt nicht, er lügt und betrügt. Und tötet.

Rolf Berger